GLOBALISIERUNG - ein Schreckgespenst?
IRLE Gruppe gründet neues Unternehmen in Indien
Globalisierung ist ein seit mehreren Jahren von Politikern, Wirtschaftsexperten und Medien sehr häufig ge- und auch benutztes, teilweise sogar missbrauchtes Schlagwort.
Globalisierung wird als Begründung für Insolvenzen mit nachfolgender Betriebsschließung, Betriebsverlagerungen und Arbeitnehmerabbau herangezogen.
Globalisierung wird aber auch als Herausforderung und Chance begriffen, eine Chance, die es zu ergreifen gilt, will man nicht auf der Strecke bleiben.
Wie immer man Globalisierung wahrnimmt oder wahrnehmen möchte, darf man eines auf keinen Fall tun: Globalisierung und deren Folgerungen ignorieren und den Kopf in den Sand stecken oder wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt auf die tödliche Umschlingung warten.
WALZEN IRLE hat die Herausforderung "Globalisierung" angenommen, sich ihr gestellt und erste Antworten im Rahmen seiner Möglichkeiten gegeben. Unsere Investitionen insbesondere der letzten drei Jahre (vgl. auch WALZEN MAGAZIN Ausgabe 7/2007) sprechen hier eine deutliche Sprache. Wir sind damit in die Lage versetzt worden, einer global explodierenden Nachfrage nach Warmbreitbandwalzen und Grobblecharbeitswalzen in deutlich erhöhtem Maße bzw. überhaupt nachkommen zu können.
In vielen Bereichen hat die Globalisierung bereits seit längerer Zeit Einzug gehalten. Wir kaufen global ein, indem wir weltweit nach Qualität, Liefertreue und Preis die jeweils besten Lieferanten auszuwählen suchen, ohne jedoch die eigene Region zu vergessen. Wir vertreiben seit sehr langer Zeit weltweit unsere Produkte, was in den letzten Jahren nochmals stark zugenommen hat. Kam der Auftragseingang 2006 mit 59% aus dem Ausland, waren es 2007 bereits 68% und im ersten Halbjahr 2008 wurde der Spitzenwert von 89% erreicht. Hauptabnehmerländer sind hier neben einigen EU-Staaten vor allem China, Indien, Thailand und Russland.
Wir haben Kunden in aller Welt gewonnen, weil unsere Produkte, unser technischer Service und das Know How unserer Mitarbeiter überzeugt haben.
Wir haben aber auch deshalb Aufträge erhalten, weil man uns als deutschem Hersteller neben der Produktqualität, Zuverlässigkeit und Liefertreue zugetraut hat. Dieses Vertrauen konnten wir in den letzten Monaten leider sehr oft nicht rechtfertigen, weil wiederum unser Vertrauen in heimische Lieferanten stark enttäuscht wurde und wir deswegen Lieferzeiten in erheblichem Umfang nicht einhalten konnten.
Hier hat regionales Sourcing zu einem globalen Vertrauensverlust geführt, weil wir für diese – zwar unverschuldeten – Verspätungen die Verantwortung gegenüber unseren Kunden übernehmen müssen. An der möglichst schnellen und effizienten Bewältigung dieser Probleme müssen wir alle, das heißt jeder Einzelne in allen Abteilungen, solidarisch und mit unserer ganzen Kraft arbeiten, denn es geht um den globalen Ruf und die Reputation von WALZEN IRLE insgesamt.
Während wir in den Bereichen Warmbreitband und Grobblech, aber auch Papier und Kunststoff die Globalisierungsanforderungen von unserem Standort in Deuz bewältigen können, wenn wir unseren Maschinenpark optimal nutzen und ein Höchstmaß an Effizienz in der Gießerei erreicht wird, war dies bei anderen Produkten (kleine Walzen für die Lebensmittelindustrie und Reduzierrollen) nicht mehr machbar. Hier gab es im globalen Rahmen ausschließlich die beiden Alternativen: Völliges Einstellen dieser Produkte und endgültiger Verlust dieses Marktes oder – als ersten globalen Produktionsschritt – Auslagerung der Produktion in eine Niedriglohnregion mit Beibehaltung der Vermarktungskompetenz und damit des Marktes als solchen.
Diesen Schritt haben wir nach reiflicher Überlegung mit der Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit einem indischen Partner in Indien gewagt.
Die neue Gesellschaft heißt "IRLE KAY JAY ROLLS Pvt. Ltd." und wird mit der Produktion nunmehr endgültig im Oktober dieses Jahres beginnen.
Die dort gefertigten Produkte werden in unseren angestammten Märkten von unserer Handelsgesellschaft SIWACO vertrieben werden, während der indische und chinesische Markt von der indischen Joint Venture Gesellschaft selbst betreut werden wird.
Der Hallenbau ist bereits geschlossen und mit einem 10 t Kran versehen, so dass Öfen und Maschinen montiert werden können, während im Bürotrakt noch gemauert wird. In dieser Gesellschaft werden ca. 60 Mitarbeiter tätig sein.
Bei allem, was Globalisierung bedeutet oder bedeuten kann, werden wir in der IRLE-Familie den Standort Deutschland immer im Auge behalten.
Sicher wird es immer ein Auf und Ab geben, wie dies auch bereits in der Vergangenheit der Fall war. Als wir (ohne Auszubildende, die davon nie betroffen waren) in 2002 von 301 Mitarbeitern kommend im Dezember 2003 bis auf 269 Arbeitnehmer wegen des globalen Wettbewerbs abbauen und gleichzeitig die 40-Stunden-Woche einführen mussten, haben wir von der Geschäftsführung versprochen, dass wir über die so gewonnenen Kostenspielräume wieder mehr Aufträge erhalten und die Mitarbeiter wieder einstellen werden.
Dieses Ziel hatten wir bereits im Juni 2006 mit 301 Mitarbeitern erreicht, zum 30.06.2008 waren es bereits 320.
Ist die Globalisierung also ein Schreckgespenst? Ohne die Risiken, die damit zusammenhängen, verharmlosen zu wollen, meinen wir: Nein!
Sie ist auch für WALZEN IRLE eine große Chance, die wir beim Schopf ergriffen haben.
An uns allen ist es nun, den Schopf nicht mehr loszulassen, sondern gemeinsam durch qualitativ gute Arbeit, durch wieder einkehrende Liefertreue und durch Überzeugung des Kunden, dass er sich auf uns verlassen kann, die Herausforderung weiter anzunehmen und für die IRLE-Familie einen guten Weg in die weitere Zukunft zu finden.
GLÜCK AUF!
R.W. Schneider
