WALZEN IRLE – Version 3.0
Fit ins dritte Jahrtausend – Herausforderung und Chance
Rückblick
Im Jahr 2002 wurde eine Finanzierungsanfrage von WALZEN IRLE für umfangreiche Investitionen in die Gießereibetriebe und Bearbeitungsbetriebe von einer führenden Großbank mangels Zukunftsfähigkeit abschlägig beurteilt. Es war kein Engagement in den damaligen Informationstechnologie-Boom, während dem man glaubte, mit geringen Investitionen in absehbarer Zeit durch Aktienverkäufe enorme Profite erreichen zu können.
Vielmehr waren langfristige Investitionsvorhaben in die Kapazitäts- und Produkterweiterung einer seit den Anfängen des Industriezeitalters erfolgreich bestehenden Walzengießerei geplant. Hintergrund war die Verbesserung der Marktposition – eine stete Herausforderung für Unternehmen.
Jetzt, fünf Jahre später – der größte Teil der Investitionen in die Produktionsverbesserungen für Stahlwerkswalzen ist realisiert – haben sich die Erwartungen von WALZEN IRLE bestätigt. Wir haben einen vorlaufenden Auftragsbestand von 20 Monaten in den nun erweiterten Produktbereichen Warmbreitbandwalzen und Grobblechwalzen, der auf neuen und effizienteren Maschinen abgearbeitet wird. Doch der Reihe nach:
Überblick
Die Großgießhalle 12 wurde auf die doppelte Länge erweitert, um eine komplette Großwalzen-Fertigungslinie zu realisieren. Herzstück dieser Linie ist die dort eingebaute große Vertikalschleudergießmaschine. Mit ihrer Realisierung kann WALZEN IRLE nun große Arbeitswalzen für Warmbreitbandstrassen und Grobblechstrassen der Stahlindustrie sowie Mäntel für die Papierindustrie bis 12 m Länge vertikal und im Verbundguss schleudern.
Hierbei wird die Fliehkraft für eine optimale Verteilung des Flüssigeisens in der drehenden Gießform genutzt. Zuerst wird ein verschleißfester, hoch legierter Mantel geschleudert. Nach dessen Erstarrung wird er mit weichem und zähem Kerneisen aufgefüllt.
WALZEN IRLE nutzte bisher Horizontalschleudergießmaschinen für den Guss von Walzen bis zu einem Durchmesser von 1,2 m und einer maximalen Ballenlänge von 3,94 m. Die neue Vertikalschleudergießmaschine schließt an diese Größen an.
Jetzt können Walzen bis zu einem Durchmesser von 1,4 m, einer Ballenlänge von 6 m bei Walzen mit angegossenen Zapfen oder einer Ballenlänge von 12 m bei Mänteln und einem Fertiggewicht bis 75 t produziert werden.
Aus Sicherheitsgründen wurde die neue Vertikalgießmaschine in eine Grube eingebaut und ist mit einer Stahlbetonabdeckung gegenüber der Halle komplett unterirdisch gekapselt.
Die Maschine besteht aus einer elektrischen Antriebseinheit, justierbaren Rollen zur Stabilisierung der Drehachse und einem Stahlzylinder zur Aufnahme der Kokillen. Die gesamte Maschine steht auf Schwingungsdämpfern, so dass nennenswerte Erschütterungen in der Umgebung vermieden werden.
Zur ausreichenden Versorgung aller Schleudergießanlagen mit Schmelze wird ein Rinnenspeicherofen installiert. Rinnenöfen sind spezielle Induktionsöfen, die als Warmhalte- oder Speicheröfen in Gusseisenschmelzbetrieben eingesetzt werden.
Prinzipbedingt hat der Rinnenofen gegenüber dem Tiegelofen einen besseren Wirkungsgrad. Der Ofen wird ausschließlich als Speicheraggregat für Kerneisen genutzt. Damit ist die Versorgungssicherheit mit Kerneisenschmelzen aller Schleudergussmaschinen gegeben.
Der Bau zweier neuer Gießgruben in der Gießhalle 10 wurde kapazitätsbedingt notwendig. Die Zahl der zu produzierenden Schleudergusswalzen hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht und wird weiter ansteigen. Gießgruben dienen dem gefährdungsfreien statischen Gießen von Walzen und der Abkühlung von statisch gegossenen und geschleuderten Walzen. Das Abkühlen kann bei diesen Walzengrößen bis zu sechs Tage dauern. Der Platz für einen Neuguss in der Gießgrube ist somit lange blockiert.
In der Großgießhalle 12 wurde einer von drei geplanten Glühöfen errichtet. Werkstoffe mit großer Verschleißbeständigkeit sind in der Regel sehr hoch legiert. Durch gezielte Wärmebehandlungen werden entsprechend dem Gebrauchszweck der Walzen die Verschleißeigenschaften, Festigkeitseigenschaften und Zähigkeitseigenschaften eingestellt und die inneren Spannungen beeinflusst. Ein solcher Prozess dauert zwischen 7 und 21 Tagen.
Moderne Überwachungssysteme ermöglichen es, den einwandfreien Verlauf der Glühung zu kontrollieren.
In der Fertigungsreihenfolge wurde eine neue Putz-/Schleifmaschine aufgebaut, auf der alle Walzen prüffähig geschliffen werden. Die Walzenrohlinge weisen an den Zapfen Sandanhaftungen auf, die bisher manuell entfernt (geputzt) werden mussten. Die neue Putzmaschine ermöglicht eine endmaßnahe, maschinelle Säuberung der Walzenrohlinge. Die Putzmaschine und der gepanzerte Maschinen-Leitstand sind komplett eingehaust, um Lärm während des Betriebes und eine eventuelle Gefährdung durch Schleifscheibenbruch zu vermeiden. Die Putzmaschine ist mit einer automatischen Ultraschall-Messeinrichtung ausgestattet, um Gussfehler im Inneren von Walzen zu erkennen. Diese Früherkennung spart Energie, Kosten und Zeit.
Der Formgussbereich wurde ebenfalls auf größere Kapazitäten ausgelegt, im Fertigungsablauf optimiert und in der neu errichteten Halle 9 zusammengefasst. Die Schmelzhalle wurde bis zum Anschluss an die neue Halle 9 verlängert, um den Formgussbereich auf kürzestem Wege mit Flüssigeisen zu versorgen. Auch hierfür konnten bereits zusätzliche Aufträge realisiert werden.
Im Werk I wurde ebenfalls investiert. Mit dem neuen Fräsbearbeitungszentrum wird die Bearbeitungszeit erheblich verkürzt. Das fünfachsige CNC-gesteuerte Einständer-Bohr- und Fräswerk ist für die Komplettbearbeitung (Bohr- und Fräsarbeiten) von Walzenzapfen an Warmbreitbandwalzen, Vorgerüstwalzen und Grobblechwalzen konzipiert. Auch Zapfen für Walzen der Papierindustrie können auf dieser Maschine bearbeitet werden. Die Werkzeugaufnahme ist mit einem automatischen Werkzeugwechsler ausgestattet, der 40 vorrätige Werkzeuge wechseln kann. Darüber hinaus werden noch eine weitere Drehmaschine und eine Schleifmaschine installiert. Die neue Großdrehmaschine kann Walzen bis zu einem Durchmesser von 2.000 mm und einer Länge von 11.300 mm bearbeiten.
Ausblick
Der Pessimist sieht in jeder neuen Herausforderung ein Problem, der Optimist jedoch eine neue Aufgabe und Chance. WALZEN IRLE hat sich in seiner fast 200-jährigen Geschichte vielen Herausforderungen gestellt. Mit dem Geschick der jeweiligen Geschäftsführung und den Leistungen der zugehörigen Belegschaften hat das Unternehmen die bisherigen Aufgaben so gelöst, dass heute ein für die absehbare Zukunft gut gerüstetes Unternehmen besteht – auch entgegen der Meinung der anfangs erwähnten Großbank. Diese Erfolgsgeschichte wird, trotz einer nach wie vor kontraproduktiven und verantwortungslosen Mittelstandspolitik in Deutschland, ihre Fortsetzung haben. Voraussetzung hierfür jedoch ist, dass alle unmittelbar Beteiligten sich ihrer Aufgaben und Verantwortungen bewusst sind. Ein wichtiger Punkt dabei sind weitere Arbeitszeitflexibilisierung und Arbeitskostenbeschränkungen, die unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern und wenn möglich noch verbessern. Wir werden WALZEN IRLE, auch im Sinne unserer Mitarbeiter, als zuverlässigen Arbeitgeber in der Region weiter als Familienunternehmen führen.
Glück auf!
vS, RAS, Kr, Lo, Kna