Wer zuviel zahlen muss

... verlässt den gemeinsamen Tisch

Folgenden Beitrag schrieb Wolfgang Rohm aus Mühltal als Leserbrief und erteilte uns die Freigabe, diesen auch hier zu veröffentlichen:

"An einem Beispiel will ich aufzeichnen, wie Steuerlast und staatliche Verteilung funktionieren. Wir wollen dazu annehmen, dass jeden Tag zehn Leute zum Abendessen ausgehen. Die Rechnung für alle zehn kommt auf 100 Euro. Wenn sie ihre Rechnung in der gleichen Art und Weise bezahlen, wie wir unsere Steuern, würde folgendes passieren:

Die ersten vier Männer, die ärmsten, würden nichts bezahlen: der fünfte würde zwei Euro bezahlen, der sechste fünf, der siebte acht, der achte zwölf, der neunte 16, der zehnte, der reichste, würde 57 Euro bezahlen. So haben sie es beschlossen, und so machen sie es. Die zehn Männer nahmen ihr Abendessen in dem Restaurant jeden Abend ein und schienen ganz glücklich mit dieser Vereinbarung, bis eines Tages der Restaurantchef ihnen einen Vorschlag machte: "Weil ihr alle so gute Kunden seid", sagte er, "werde ich ab sofort die Kosten für euer tägliches Abendessen um 20 Euro senken", deshalb kostete ab jetzt das Abendessen für die zehn nur noch 80 Euro. Die Gruppe blieb dabei und wollte ihre Rechnung immer noch so bezahlen, immer noch so, wie wir unsere Steuern bezahlen. Deshalb waren die ersten vier Männer nicht betroffen. Sie würden weiterhin umsonst essen. Aber was war mit den anderen sechs, den zahlenden Kunden? Wie konnten sie den Gewinn von 20 Euro aufteilen, so dass jeder einen "fairen Anteil" erhielt? Sechs Leute stellten fest, dass 20 Euro geteilt durch sechs 3,33 Euro ist. Aber wenn sie diesen Betrag einfach von jedermanns Anteil abziehen würden, würde der fünfte Mann noch Geld bekommen, wenn er sein Abendessen isst. Deshalb schlug der Restaurantchef vor, dass es fair sei, jedermanns Rechnung um ungefähr den gleichen Betrag zu kürzen, und er fuhr fort, den Betrag für jeden Einzelnen neu zu berechnen, und deshalb bezahlte der fünfte Mann nichts, der sechste gab zwei Euro, der siebte fünf, der achte neun, der neunte zwölf Euro, so dass der zehnte Mann 52 statt bisher 57 bezahlte. Jeder der sechs war besser dran als vorher. Und die ersten vier aßen weiterhin umsonst. Aber nach dem Abendessen draußen vor dem Restaurant begannen die Männer, ihre Ersparnisse zu vergleichen. "Ich habe nur drei von 20 Euro bekommen", erklärte der sechste Mann. "Aber er", und damit zeigte er auf den zehnten, "er hat fünf Euro bekommen." "Ja, das stimmt", rief der fünfte, "ich habe auch nur zwei Euro gespart, es ist unfair, dass er so viel mehr bekommt als ich." "Das ist wahr", rief der siebte Mann, "warum kriegt er fünf Euro zurück und ich nur drei?"

"Die Reichen kriegen immer Alles." "Moment mal", riefen die ersten vier Männer unisono, "wir haben nichts bekommen. Das System beutet die Armen aus." Die neun Männer umstellten den Zehnten und prügelten ihn nieder. Am nächsten Abend kam dieser nicht zum Abendessen, so setzten sich die neun hin und aßen ohne ihn. Als die Rechnung kam, entdeckten sie, dass ihnen 52 Euro fehlten. So arbeitet unser Steuersystem; die, welche die höchsten Steuern bezahlen, profitieren am meisten von einer Steuersenkung. Wenn man sie zu hoch besteuert, wenn man sie angreift, werden sie das nächste mal nicht mehr am Tisch erscheinen.

W. Rohm

Nur gemeinsam und fair haben Arbeitgeber und -nehmer, Kapitalgeber und Arbeitskräfte die Möglichkeit, unser Wirtschafts- und Sozialsystem zu organisieren und zu finanzieren. Deshalb würde der Beitrag nach unserer Meinung auch gut unter die Rubrik "Nachdenken lohnt sich!" passen.

GL

 


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