190 Jahre Walzengießerei mit 317 Jahren Gießerfahrung
WALZEN IRLE feiert sein 190-jähriges Bestehen als Walzengießerei und blickt auf eine über 300-jährige Geschichte als Eisengießerei zurück.

Unter den heute existierenden Unternehmen gibt es nicht viele, die ein 190-jähriges Firmenjubiläum feiern können und noch weniger, die auf eine mehr als 300-jährige Firmengeschichte zurückblicken können.
WALZEN IRLE kann beides. Die Ursachen für diese Erfolgsgeschichte sind zu allen Zeiten mit der Leistungsfähigkeit der Belegschaft und dem technischen Fachwissen sowie dem Geschäftsführungsgeschick der jeweils verantwortlichen Irle Unternehmer zu erklären.
Die Entwicklung der Firma Irle in den letzten drei Jahrhunderten ist geprägt durch Phasen aktiv betriebener, kontinuierlicher Weiterentwicklung von Produktionsprozessen und Geschäftsfeldern, aber auch durch das Realisieren bemerkenswerter Technologiesprünge sowie die Bewältigung existenzbedrohender wirtschaftlicher oder politischer Ereignisse, was sich wie folgt aufzeigen lässt:
1693 gründete Johannes Irle als selbständiger Hüttengewerke (Eisengießer) und Eisenhändler die unternehmerische Eisenverarbeitung der Familie Irle. Die fünf Generationen nach ihm betrieben ebenfalls die Eisengießerei und den Handel des Gusseisens und verbesserten kontinuierlich ihre Fertigkeiten im Rahmen des damaligen Wettbewerbs.
Etwa um 1800 begann Irle mit der Produktion von gusseisernen zylindrischen Öfen. Irle erweiterte die Fertigungstiefe damit um zwei für die weitere Entwicklung des Unternehmens entscheidende Bearbeitungsschritte – das Gießen und das Bearbeiten von zylindrischen Eisenkörpern. Es wurden weiterhin gusseiserne Waren wie Ambosse, gusseiserne Töpfe, Ofenplatten, Glühpfannen, Ständer, Röster und Räder hergestellt. Irle organisierte auch den Vertrieb der Öfen (deren Verbreitung sich bis Schlesien nachweisen lässt) und der anderen Gusswaren.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich der industrielle Einsatz von Walzprozessen mit gusseisernen Walzen für Eisen- und später Stahlblech sowie in der Textil- und Papierfertigung. Hermann Irle erkannte die Bedeutung der Walze und angesichts der zunehmenden Industrialisierung deren wirtschaftliches Potenzial für sein Unternehmen.
1820 wagten Hermann Irle und sein ältester Sohn Johannes die ersten Versuche des Walzengusses gegen Kokille. Der erfolgreiche Guss der ersten Hartgusswalze war einer der entscheidenden Technologiesprünge in der Irle Geschichte.
Die Fähigkeit, Walzen gegen Kokillen zu gießen, ist bis heute der zentrale Fertigungsprozess. 1841 optimierte die Firma Irle mit der Erfahrung von zwei englischen Bergräten das Gießen von Hartgusswalzen und wurde bald führend in der Produktion dieser Walzen.
1848 wurde die brachliegende Silber- und Bleihütte in Deuz erworben und damit der Grundstein für den heutigen Firmensitz gelegt. An diesem Standort wurde die neue Firma "Hermann Irle" gegründet.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts optimierte und erweiterte Irle die Produktion im Zuge der steigenden Nachfrage nach Walzen und des zunehmenden wirtschaftlichen Erfolgs. 1875 ersetzte die erste Dampfmaschine die Wasserkraft. Elektrizität wurde als Kraftquelle eingeführt. 1891 wurde der letzte gusseiserne Ofen gegossen. Walzen waren von nun an das zentrale Produkt der Firma Irle und sind es noch heute.
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte das Unternehmen nicht nur vor branchenbedingte technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Weltpolitische und weltwirtschaftliche Ausnahmesituationen bedrohten Irle mehrfach existenziell.
Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs setzte sich das Wachstum von Irle kontinuierlich fort. Irle erwarb die stillgelegte Mahlmühle unterhalb von Deuz, um dort mittels einer Kraftstation das Werk I mit Strom zu versorgen. Deuz wurde auch wegen Irle an das Eisenbahnnetz angeschlossen. In der Folgezeit konnten größere Walzen produziert und transportiert werden.
Irle tat einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt, diesmal rein aus strategischen Erwägungen. 1911 beschloss die Unternehmensleitung, sämtliche Spezialwalzen für die Papier-, Farb-, Gummi-, Leder- und chemische Industrie, für Mühlen und andere Betriebe der Ernährungswirtschaft herzustellen und anzubieten. Damit wurde die Gefahr, einseitig von der Stahlindustrie abhängig zu sein, erheblich reduziert. Dafür wurde anstelle der alten Mahlmühle eine Gießerei mit angeschlossener Bearbeitung für Hartgusswalzen gebaut, das heutige Werk II. Von dieser Entscheidung profitiert WALZEN IRLE noch heute.
Zwischen den Weltkriegen erlitt die Firma Irle mehrere wirtschaftliche und existenzbedrohende Rückschläge. Die Rezession Anfang der 1920er Jahre und die große Weltwirtschaftskrise setzten Irle stark zu. Viele Mitarbeiter wurden arbeitslos oder konnten nur tageweise beschäftigt werden. Aber selbst in diesen schlechten Zeiten trieb die Geschäftsführung, neben intensiver Bemühungen um die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit, auch unter Einsatz des Privatvermögens, die technische Weiterentwicklung von Walzen weiter voran, um darüber zu neuen Aufträgen, Beschäftigung und Umsätzen zu kommen. Im Ergebnis wurden zwei Innovationen realisiert, die später für das Unternehmen wichtig wurden, Hartgusswalzen mit eingezogenen Stahlachsen und der Schleuderverbundguss. Zwischenzeitliche Wirtschaftsaufschwünge wurden für vorsichtig investierte Produktionsverbesserungen und Ersatzinvestitionen genutzt. Von 1944 bis 1946 mussten beide Werke stillgelegt werden.
Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts baute die Irle Geschäftsführung mit dem einsetzenden Nachkriegsaufschwung die Produktionskapazitäten wieder auf. Eine wichtige technische Entwicklung erlangte 1950 Produktionsreife, die Sphärogusswalze. Ein Großfeuer in Werk II erforderte, die Gießerei komplett neu und nach dem modernsten verfügbaren Stand der Technik aufzubauen. In diesem Zuge entschied die Geschäftsführung, die Gießerei in Werk I stillzulegen und den Gießprozess effizienter auf Werk II zu konzentrieren.
In den 60er Jahren wurde das Werk I komplett neu gebaut, um die mechanische Bearbeitung dort zusammenzufassen und dadurch wirtschaftlicher zu gestalten.
Unter dem Eindruck der Stahlkrise beschloss die Geschäftsführung Anfang der 80er Jahre umfangreiche Modernisierungen und Erweiterungen der beiden Werke, um als Ausweichmöglichkeit die technischen Voraussetzungen zur Herstellung und Bearbeitung von großen Papier-Kalanderwalzen bis 130 Tonnen zu schaffen. Diese umfangreichen Investitionen wurden Anfang der 90er Jahre abgeschlossen.
Aufgrund des weltweit steigenden Stahlbedarfs durch das Wachstum in China, Indien, Russland und Brasilien beschloss die WALZEN IRLE Geschäftsführung, den zunehmenden Bedarf an Warmbreitbandwalzen zu bedienen. 2002 wurden zwei Horizontalschleudergießanlagen in Betrieb genommen sowie Glüh- und Bearbeitungskapazitäten entsprechend erweitert.
Da sich diese Entscheidung als richtig erwies, beschloss die Unternehmensleitung 2005 eines der größten Investitionsprogramme bei WALZEN IRLE der letzten drei Jahrzehnte am Standort Deuz.
Die Investitionen konzentrierten sich im Speziellen auf den Einstieg in die Produktion von geschleuderten Grobblech- und Vorgerüstwalzen (40 bis 75 Tonnen Fertiggewicht) sowie den weiteren Ausbau der Warmbreitbandwalzen-Fertigung. Kern der Investitionen war die Realisierung einer kompletten Großwalzenfertigungslinie. Dafür wurden eine Vertikalschleudergießanlage für ein Gesamtgewicht bis 100 Tonnen gebaut und entsprechende Bearbeitungsmaschinen angeschafft. Die Umsetzung dieser Investitionen wurde 2008 abgeschlossen und WALZEN IRLE hat seinen Produktionsschwerpunkt Richtung Großwalzen-Gießerei verlagert.
Um kleine Walzen weiter wirtschaftlich produzieren und verkaufen zu können, wurde in Indien der Grundstein für die indische Walzengießerei "IRLE KAY JAY ROLLS PVT LTD“ mit heute 75 Mitarbeitern als Tochterfirma der WALZEN IRLE GmbH gelegt.
Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Unternehmens zeigt, dass die ständige Bereitschaft zu Veränderung und Verbesserung wichtig und richtig ist, denn sie sichert das Unternehmen langfristig.
Wie die Geschichte von WALZEN IRLE zeigt, waren die Eigentümer und eine stets leistungsfähige und loyale Belegschaft dazu bereit. Haben zukünftige Geschäftsführer ein ähnliches Geschick und eine motivierte Belegschaft, dann können die nächsten 190 Jahre kommen. Das Unternehmen ist bereit – Glück auf!

